Weisheit im Alter

„Frag doch die Alten, sie werden es dir sagen!“

In unserer Zeit wird es als Ideal angesehen, möglichst lange jungendlich zu bleiben. Dem Alter werden sämtliche negativen Attribute zugeschrieben. Die Formel „Jugend gleich wertvoll, Alter gleich wertlos“ ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft und gleichzeitig auch absurd, denn es werden „die Jungen“ auch wieder ganz bald „die Alten“ sein.
Wir dürfen im Altern nicht immer nur besorgt den Abbauprozess des Körperlichen und die dadurch verbundenen Mehrkosten für unser Sozialwesen sehen.
Welches Potential in der Weisheit des gereiften, alten Menschen für unsere Gesellschaft liegt, wird von der modernen Gesellschaft kaum erkannt – leider ist unserer Zeit das Gespür für den Sinn und die Weisheit des Alters abhanden gekommen. Wer soll denn über „das Geheimnis des Menschseins“ und über „die Spielregeln des Lebens“  noch Bescheid wissen, wenn nicht „unsere Alten“.
In Weisheit altern hat für mich mit der tieferen Einsicht ins Wesentliche, mit dem Erkennen der Sinnzusammenhänge zu tun.  
Natürlich hängt gelingendes Altern nicht einzig und allein von  Weisheit ab. Äußere Faktoren wie das soziale Umfeld, liebevolles Umsorgtsein, Ängste oder Vereinsamung, Wohlstand oder Mindestrente, relative Gesundheit oder Krankheit, Schmerzfreiheit oder chronische Schmerzen – all das spielt eine Rolle.
Und doch ist es die von Plato als Kardinalstugend bezeichnete Weisheit, die einen maßgeblichen Anteil am Gelingen des Alterns hat.

Ein gelungener Lebensabend zeichnet sich meiner Erfahrung nach oft durch folgende Eigenschaften und innere Haltung aus:

  • Lebensaufmerksamkeit – durch das Bewusstsein der menschlichen Vergänglichkeit und ein „der Endlichkeit Ins-Auge-Schauen“ wird das Hier und Jetzt ganz gelebt.
  • Der gelassene Blick auf das immer näher rückende Lebensende ermöglicht ein Loslassen, ein  Weg von der Geschäftigkeit des Alltags und vom Sich-Beweisen, vom Leisten-müssen.
  • Zu sich kommen und innerlich mit sich selbst und den anderen versöhnt sein. Ein weiser, alter Mensch kennt auch seine Schatten und nimmt diese versöhnlich an.
  • Humor (nicht Spaß, Witz oder Komik) ist eine besonders liebenswürdige und wertvolle Gabe weiser, alter Menschen. Echter Humor ist Ausdruck von Abgeklärtheit, Heiterkeit und Toleranz gegenüber allen Menschen und dem Leben generell.
  • Spiritualität – in dieser dritten Lebensphase sollten wir uns nun endgültig die Frage stellen: „Woraus kann ich schöpfen, damit ich nicht so leicht erschöpft werde?“

Bei allem Bemühen auf den Weg zur eigenen Weisheit sollte uns doch auch klar sein, dass wir auf dieser Welt nie zur Vollkommenheit gelangen können, denn so vollkommen ein menschliches Wesen schon zur Stunde seiner Geburt ist, so unvollkommen (Vollkommenheit ist dem Menschen nicht zugedacht) wird es trotz aller Anstrengungen ein Leben lang bleiben.

Vielleicht könnte dann folgende Grabinschrift auch für uns gelten:
sie/er lebte noch, als sie/er starb.

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